"Hasta la vista" - Zurück in die Vergangenheit

02. Januar 2015

Unser Australienausflug geht schon nach einer Woche zu Ende, was aber auch gut ist. Uns dürstet nach kultureller Abwechslung, nach gutem, südamerikanischen Rotwein und vertretbaren Tabakpreisen. Bei der Ausreise haben es die netten Grenzbeamten bei der Zollkontrolle am Flughafen schon wieder auf uns abgesehen. Als wäre die Sprengstoff- und Obstdurchsuchung nicht schon genug Schikane gewesen, winkt vor dem endgültigen Abschied von Australien noch die letzte Demütigung - der Nacktscanner.

Auf halber Strecke mitten über dem Pazifik kommt dann der lang ersehnte Moment der Überquerung der Datumsgrenze. Mit einem Schnipp wird die Uhr um 24 Stunden zurückgedreht und wir erleben den 2. Januar ein zweites Mal. Nach 12 Stunden neben einem pausenlos flatulierenden Sitznachbarn und vier Blockbuster Filmen am Stück später betreten wir den vierten Kontinent während unserer Reise. Um 13 Uhr in Sydney gestartet, ist es bei Ankunft in Chile gleichentags wieder 11 Uhr morgens. Das Raum-Zeit-Kontinuum hat sich also bewahrheitet – wir sind in der Zeit gereist. Jünger fühlen wir uns nach dem langen Flug aber trotzdem nicht – im Gegenteil. Der fast schon in Vergessenheit geratene Jetlag schlägt wieder einmal so richtig zu. Als Ausgleich dafür begrüsst uns Santiago de Chile mit Sonnenschein, wolkenlosem Himmel und 32°C im Schatten.



Dulce Vida

04. Januar 2015

Bereits nach Ankunft am Flughafen macht es sich bezahlt, dass Evelyn sich seinerzeit die spanischen Sprachkenntnisse angeeignet hat. Denn Englisch scheint hier niemand zu verstehen, geschweige denn zu sprechen. Ich für meinen Teil komme mir vor wie ein Analphabet. Ausser Terminators alt bekanntem „hasta la vista“ kriege ich höchstens noch „dos cervezas“ zu Stande, was zwar angesichts der bierlosen Zeit in Australien fürs Erste auch das wichtigste ist.

Der lange Flug quer über den Pazifik hatte es in sich. Uns steckt noch immer die Zeitverschiebung in den Knochen und die Rektalseufzer von unserem Sitznachbarn in der Nase. Für den ersten Tag in Chile genehmigen wir uns deshalb eine ordentliche Portion Siesta. Nach der grossen Verschnaufpause schlendern wir durch die fünf Millionen Metropole und lassen die neuen Eindrücke auf uns wirken. Wir frönen dem chilenischen Dulce Vida, freuen uns über Gebrautes und Gegärtes und bisher unbekannte kulinarische Genüsse. Doch nicht nur der Gaumen freut sich über die Entdeckungsreise, auch für die Augen ist Chile ein neuer Reiz. Besonders eindrücklich sind die im Hintergrund der Skyline von Santiago sichtbaren Ausläufer der Anden, welche mit einer weissen Haube Schnee gekrönt sind.




Hier geht’s bunt zu und her

07. Januar 2015

Nach zwei Tagen der Akklimatisierung zieht es uns an die Küste nach Valparaiso, der grössten Hafenstadt Chiles, welche als eine der speziellsten und schönsten Städte von ganz Südamerika gilt. Die auf vielen kleinen Hügeln um den Hafen erbauten Häuser strahlen in allen erdenklich bunten Farben, Mauern sind mit künstlerischen Graffitis bemalt. Vieles ist schief und alt aber gerade das macht die Stadt so interessant. Gezeichnet von vielen Ereignissen tragen die Bauwerke die Geschichte Chiles im Fundament und an den Fassaden. Das besondere Flair inspiriert Künstler und Dichter seit Generationen. Unsere erste gemütliche Bleibe mit nostalgisch kackbraunem Sanitärbereich und Bettwäsche aus Urgrossmutters Zeiten befindet sich unweit des Hafens auf einem der Hügel mit einer super Aussicht auf die ganze Stadt.

Jetzt sind wir also Angekommen auf dem berüchtigten Kontinent des Trick- und Entreissdiebstahls. Evelyn’s dunkler Typ fällt hier in Chile nicht besonders auf. Meine Haar- und Augenfarbe lassen uns jedoch schon von weitem als Touristen aus der Masse herausstechen, was natürlich die Aufmerksamkeit der potentiellen Langfinger auf uns lenkt. Gewisse Teile der Stadt sollten daher auf Anraten von Einheimischen strikte gemieden werden. Entsprechende Sicherheitsvorkehrungen sind unabdingbar. Evelyn als unsere Sicherheitsbeauftragte ist Herrin über die strategischen Antidiebstahl-Massnahmen und lässt sich immer wieder neue, ausgeklügelte Taktiken einfallen, damit sich die Ganoven an uns die Zähne ausbeissen. Nähere Angaben können aus sicherheitstechnischen Gründen an dieser Stelle nicht preisgegeben werden.



Sicherheit wird klein geschrieben

09. Januar 2015

Nach zwei Tagen auf einem der vielen schönen Hügel zieht es uns für die nächsten beiden Tage mitten ins Getümmel. Noch bevor wir im öffentlichen Bus mit Sack und Pack fertig eingestiegen sind, geht es in halsbrecherischem Tempo und geöffneter Türe den Hügel runter. Ein zusteigender Zahnbürstenvertreter versucht wortgewandt die neueste Generation chilenischer Zahnbürsten an den Mann zu bringen – musikalisch untermalt von zwei flötierenden und singenden Chilenos. Überhaupt wird auf der Strasse so ziemlich alles verkauft: Von Gelenkschonern über Lautsprecher und Babynahrung bis hin zu Multipackungen Toiletten-Papier ist alles zu haben.

Das Haus in dem wir die nächsten zwei Nächte bleiben, hat bereits vier grosse Erdbeben überlebt und steht nun schon seit 110 Jahren an Ort und Stelle. Eine Innensanierung hat es all die Jahre nicht gesehen. Die hölzernen, stukatierten Fensterbögen, der Parkettboden und insbesondere der schräg abfallende, leicht abbröckelnde kleine Balkon sind gezeichnet von vielen Jahrzehnten. Die Fussböden schlagen Wellen, wie das Wasser auf hoher See. Das Bett erinnert an eine zu oft benutzte Badewanne. Auch hier hockt der Geschichtsmief in allen Teilen des Hauses, was einen ungeheuren Charme versprüht.


Die vielen Hügel der Stadt sind bequem per Seilzuglift erreichbar. Sie stammen alle aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende und machen einen museumsreifen und ziemlich sanierungsbedürftigen Eindruck. Wie wir einmal mehr erst später lesen, wird von offizieller Seite von der Benutzung der Lifte abgeraten, da sie seit einigen Jahren die chilenischen Sicherheitsvorschriften nicht mehr erfüllen. Umso spannender ist die Benutzung der Lifte im Wissen, wie es um die Sicherheit der knarrenden Drahtseile und Zahnräder bestellt ist...




Gute Aussichten

11. Januar 2015

Nach gut zwei Wochen ohne Verschnaufpause in städtischen Gefilden brauchen wir dringend frische Landluft. Doch nur mit einem Fingerschnipp ist es nicht getan. Bis zur wohl verdienten Frischluft steht uns eine neun stündige Nachtfahrt mit einem Bus bevor. Der Service an Bord könnte nicht besser sein. Der umsorgende Busbegleiter ist sehr um das Wohl seiner Passagiere besorgt und deckt zur Schlafenszeit jeden einzeln liebevoll mit einer Decke zu. Lichterlöschen ist aber pünktlich um 23:00 Uhr und gilt ausnahmslos für alle und alles - nicht mal mehr das Notlicht darf leuchten.

Nach dem Umsteigen in La Serena und weiteren zwei Fahrstunden durch immer karger werdende Landschaft erreichen wir Pisco Elqui, ein kleines chilenisches Oasen-Dorf in den Anden. Wetterfrosch beim Lokalsender, wenn es denn einen solchen gäbe, dürfte einer der dankbarsten Jobs überhaupt sein. Mit 360 Sonnentagen im Jahr ist diese Region eine der Gegenden mit den besten Wetteraussichten der ganzen Welt.

 

Hier auf 1500 Metern über Meer beginnt die Light-Version unsers natürlichen EPO-Trainings als Vorbereitung auf die höheren Lagen in den nördlichen Anden. Doch nicht nur wir mögen diesen Ort. Aufgrund der besonders guten Aura und oft beobachteten, übersinnlichen Gegebenheiten fühlen sich besonders auch Esoteriker und UFO Fans magisch angezogen. Übersinnlich sind auch die Öffnungszeiten der Restaurants – bis zwei Uhr morgens gibt es noch etwas Warmes zu futtern.



Die Pferdeflüsterer – ein Abenteuer auf vier Beinen

13. Januar 2015

Schon früh um sieben macht sich der zum Glück nur selten ertönende Wecker bemerkbar. Aber noch so gerne springen wir aus den Federn. Ein weiteres Abenteuer wartet darauf erlebt und überlebt zu werden. Diesmal jedoch nicht wie gewohnt auf zwei oder vier Rädern sondern auf einem galoppierenden Untersatz mit vier Beinen und nur einer Pferdestärke.


Die entlegenen Gebiete der Anden mit Berggipfeln die mehr als 6000 Meter über die Meereshöhe hinausragen, sind nicht so einfach zu erreichen. Es gibt keine festen Wege geschweige denn Wegschilder oder sonst von Menschenhand Erschaffenes. Die Trockenheit in Verbindung mit den hohen Tages- und niedrigen Nachttemperaturen lässt kaum Vegetation zu und ist daher nicht gerade Lebensfreundlich. Für uns ist genau das der Reiz dort hinzukommen. In Cochiguaz, einer kleinen Weinanbausiedlung am gefühlten Ende der Welt bestehend aus nur ein paar einfachen Lehmhäusern, treffen wir auf das Expeditionsteam. Unser Begleiter Emilio und sein Pferd, jeweils ein Pferd für Evelyn und mich, und ein armer Gaul, der das ganze Gepäck, wie Essensvorräte, Zelte und Schlafsäcke schleppen muss.


Die chilenischen Vollblut Hengste warten schon aufgezäumt auf die beiden Kaltblut Reiter und können es kaum abwarten wieder mal so richtig die Sporen zu kriegen und drauf los zu reiten. Schon nach den ersten paar Metern im Sattel ist klar: Welpenschutz ist hier Fehlanzeige – im Gegenteil. Emilio hält die Zügel straff in der Hand und schmeisst uns ins kalte, wenn nicht gefrorene Wasser. Ungeplant mit von der Partie ist auch Claudece ein abenteuerlustiger Wachhund, der kurzentschlossen dem langweiligen Weindorfleben entflieht und unsere Truppe begleitet.

Emilio ist ein waschechter und wortkarger Gaucho wie aus dem Bilderbuch. Ein richtiger Andeno, der die trockene Wüstenluft schon mit der Milchflasche aufgesogen hat. Mit uns beiden Gringos mit praktisch null Ahnung vom Reiten hat er das grosse Geschenk. Obwohl er nur wenig spricht, macht er einen ganz netten Eindruck, doch nur solange er nicht auf dem Pferd sitzt. Sobald er einen Sattel unter dem Hintern hat, kommt sein zweites „Ich“ zum Vorschein. Wie ein wild gewordener Cowboy und erzürntem Gesicht treibt Emilio die Pferde mit komisch klingenden, wirren Ausrufen und Peitschenhieben an. Der Sattel bekommt ihm offensichtlich nicht so gut. Er wirkt fast schon beängstigend aggressiv. In diesem von Adrenalin geschwängerten Zustand schreckt er auch nicht davor zurück uns verbal so richtig die Sporen zu geben. Kaum betritt er wieder festen Boden, kehrt das freundliche Wesen in ihm zurück.

Hoch zu Pferd geht es über Stock und Stein. Die gleissende Sonne brennt von oben auf unsere Sombreros. Es herrscht eine Hitze wie im Glutofen. Doch die Pferde laufen trotzdem richtig rund. Unermüdlich aber stark schnaufend setzen sie trotz dünn werdender Luft eine Hufe vor die nächste und kämpfen sich mit uns auf dem durchgebogenen Buckel den Berg hoch. Die Route führt durch unwegsames Gelände ohne ersichtlichen Pfad mitten durch die Prärie, durch üppiges Gestrüpp, wilde Bachläufe und steile Felshänge hoch. Immer wieder mal stolpern die Pferde und können sich gerade noch auffangen – uns läuft es trotz Hitze jedes Mal kalt den Rücken runter. In diesen Momenten erleben wir fast mehr Abenteuer als uns lieb ist.

Nach sechs Stunden im Sattel und massiv überdosierter Solarbestrahlung erreichen wir auf 3000 Metern über Meer unser heutiges Ziel und zugleich Nachtlager. In totaler Abgeschiedenheit mitten im Nirgendwo schlagen wir direkt am Ufer der Lagune El Cepo die Zelte auf. Keine Menschenseele weit und breit. Nur wir, Emilio, die Pferde und der Hund. Wasser trinken wir direkt ab Fluss und Bergsee, wo nebenan auch die Pferde daraus ihren Durst stillen. Die untergehende Sonne lässt die uns umgebenden Sechstausender in rotem Licht erstrahlen, wie es auch unsere Gesichter tun. Es weht kein Lüftchen, es herrscht absolute Ruhe. Nur die sprühenden Funken des lodernden Lagerfeuers unterbrechen zwischendurch die Stille. Noch nie zuvor waren wir dermassen vom Rest der Welt abgeschieden. Wir befinden uns so richtig weit draussen in der Pampa.  


Kaum verschwinden die letzten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln, wird es schlagartig kalt. Die Temperatur fällt binnen Sekunden von 35 auf 5 Grad Celsius. Doch das frisch über dem Feuer gebratene Rindfleisch, der chilenische Rotwein und der dicke Schlafsack spenden genügend Wärme. Ohne künstliches Licht weit und breit und dank der glasklaren Luft erscheint der Sternenhimmel noch um einiges heller und prachtvoller als wir ihn in Neuseeland gesehen haben. Die Sterne leuchten so stark, als ob der Vollmond die Nacht erhellen würde. Sogar die beiden Magellan Galaxien sind von blossem Auge sichtbar. 



Hoppe Reiter – Runde zwei

14. Januar 2015

Kaum treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Nylonstoff unseres Zeltes wird es schlagartig heiss. Eben noch im frostigen Land der Träume befinden wir uns von der einen auf die andere Minute wieder in einem Backofen. Mit beginnender Schweissbildung im Gesicht und tierischem Muskelkater in den Beinen befreien wir uns noch schlaftrunken aus dem dicken Schlafsack, packen Zelt und Habseligkeiten zusammen, während Emilio die Pferde sattelt.


Bevor der Tagesritt zurück in die Zivilisation in Angriff genommen wird, ziehen wir samt Pferdekarawane nochmals ein Stück weiter den Berg hoch zur Laguna Amarilla, einer gelb-roten Lagune auf 3300 Höhenmetern – einem Ort wie auf einem anderen Planeten. Prophylaktisch eingeworfene Coca-Blätter zwischen den Zähnen helfen gegen die Höhenkrankheit.

Emilio lässt uns überwiegend ohne Aufsicht frei herumreiten, denn das Lastenpferd ist schon seit Beginn der Tour etwas bockig und nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Beim Abstieg, ausgerechnet im Steilhang, dreht das gute Tier komplett durch. Es bäumt sich mehrmals laut wiehernd auf, schlägt aus wie ein Rodeo-Pferd, wirft das ganze Gepäck ab und flieht in gestrecktem Galopp kreuz und quer den steinigen Hang hinunter - Emilio aufgebracht und in noch mehr gestrecktem Galopp hinterher. Ohne komische Pferdesprache rufenden Gaucho stehen wir mit unseren heute ebenfalls etwas launischen Vierbeinern ziemlich verloren im steilen Hang und fragen uns in diesem Moment dann doch, was uns geritten hat diese Tour zu unternehmen.

Den Alpabstieg durch den Steilhang überstehen wir ohne Unterstützung von Emilios Peitschenhieben unversehrt. Auch das durchgeknallte Pferd kriegt sich wieder ein. Nach Stunden im Sattel und gefühlt vollbrachter Spitzensportleistung kehren wir mit Muskelkater der Stärke neun auf der Richterskala und total feinverstaubt zurück nach Cochiguaz. Die spontane Einladung auf ein Nachtessen im Lehmhaus bei Emilios Familie runden die zwei unvergesslichen Tage ab.

 

Den guten Pferden wird das Glück gegönnt, dass sie für die nächsten vier Wochen ihren Jahresurlaub auf einer grünen Wiese verbringen dürfen, was sie nach diesem Ausflug auch dringend nötig haben und auch wir nötig hätten.