Lama mit Pommes

16. Januar 2015

Die Tour mit den Pferden hat ihre Spuren hinterlassen und uns doch tatsächlich in die Knie gezwungen. Die Wund gerittenen Arschbacken schmerzen, der Rücken ist von heftigem Muskelkater total verspannt. Sitzen geht nur mit zusammengebissenen Zähnen. Der rötliche Wüstensand krallt sich noch immer hartnäckig an Kleidung, Schuhen und in den Nasenhöhlen fest. Nach einem Tag Zwangspause zwecks körperlicher Regeneration ist der Wanderzirkus reif für die Weiterreise. Das in der Morgenlaune spontan auserkorene Ziel ist das kleine Dorf San Pedro, welches sich auf einem Hochplateau auf 2500 Metern über Meer mitten in der Atacama-Wüste befindet. Zur Einstimmung auf die lange Reise gibt es zuerst eine zwei stündige Aufwärm-Busfahrt zurück nach La Serena. Auf der Fahrt steigen am Strassenrand winkende Fahrgäste aus dem scheinbaren Nichts zu oder im Nirgendwo wieder aus. Ausser Sand, Kaktuspflanzen und Steinen gibt es hier nicht viel.

Nach insgesamt einundzwanzig Stunden im Bus, zwei Mal umsteigen, vier weiteren Stunden an Busbahnhöfen die Zeit tot schlagen und 1250 Kilometer später erreichen wir das Wüsten-Nest nahe des Dreiländerecks zu Bolivien und Argentinien. Die Luft ist spröde trocken, es herrscht eine brütende Hitze. Mit unserem praktischen Rollgepäck durchpflügen wir die aus Sand bestehenden Strassen auf der Suche nach einer Unterkunft und etwas zu Essen. Lama angerichtet auf einem Berg Pommes kommt uns nach 24 Stunden ohne einen Bissen gerade recht. In Natura haben wir bis jetzt noch keines zu Gesicht bekommen, aber auf dem Teller macht es schon mal eine gute Figur. Aber kaum ist das Lama verspeist, folgt dann doch das erste Aufeinandertreffen.

San Pedro ist ein Oasendorf mitten in der Einöde und besteht ausschliesslich aus ebenerdigen Häusern die aus Lehm und Sand gebaut sind. Regenschirme an den Mann zu bringen dürfte hier eine echte Herausforderung sein. Mit 0 mm Regen pro Jahr ist die Atacama-Wüste eine der trockensten Regionen der Welt und mit nur drei Einwohnern pro Quadratkilometer auch äusserst dünn besiedelt. Es gibt Wetterstationen in diesem Gebiet, die in ihrer Geschichte nicht einen einzigen Tropfen Niederschlag verzeichnet haben.


Ralley Atacama

18. Januar 2015

Das umgebende Vulkangebirge der Anden und besonders die sandigen Pisten, die sich in einer Schnurgeraden durch die karge Wüste ziehen, schreien förmlich danach erkundet zu werden. Ein extra weich gefederter, nicht bockiger Allrad Pickup ist daher eine ausgezeichnete Alternative zu vier mit Eisen beschlagenen Hufen. Unsere neueste Mieterrungenschaft ist ein ehemaliges Minenfahrzeug, welches noch immer mit Lichtsirene ausgestattet ist. Nebst der Gangschaltung ist ein zweiter Schaltknüppel eigens für die Bedienung des Vierradantriebs vorhanden. Überrollbügel sollen Schlimmeres vermeiden, falls es uns aufgrund der sportlichen Fahrweise überschlagen und aufs Dach legen sollte. Lediglich ein Helm und ein schickes Lederkombi fehlen, um das Ralleypiloten-Feeling abzurunden.

Nach den ersten paar etwas unsicher gefahrenen Kurven kehrt das Gefühl für den Rechtsverkehr wieder zurück - obschon wir den Linksverkehr doch irgendwie vermissen. Wie es Billinguisten mit der Sprache haben, fühlen wir uns spätestens seit Neuseeland auf beiden Strassenseiten zuhause. Die Vollfederung unseres Pickups erlaubt es uns mit 100 Sachen durch die Wüste zu brettern, dabei über Schlaglöcher und Unebenheiten hinweg zu gleiten, als würden sie gar nicht existieren. Auf diese Weise die faszinierende Landschaft zu erkunden, schraubt den Adrenalinspiegel gehörig nach oben.

Unsere rasante Wüstenexpedition führt zuerst zum Oasendorf Toconao, einer kleinen Ortschaft in der die Zeit seit Jahrzehnten still zu stehen scheint. Der Bär steppt hier nicht – dafür regiert die tote Hose. Im Zentrum des Salzsees Salar de Atacama haben wir die Möglichkeit wild lebende Flamengos zu bestaunen, die sich im Stillstehen zu messen scheinen und sich in stoischer Ruhe den Bauch voll schlagen. Kaum zu glauben, dass diese Tiere in einer so unwirklich scheinenden, extremen Umgebung überleben können und sich freiwillig da aufhalten.


Hoch hinaus

20. Januar 2015

Die gute Federung unseres Pickups ist eine Wohltat für Rücken und Nacken. Kein Muskelkater oder sonstige Abnutzungserscheinungen hindern uns am nächsten Tag erneut auf Erkundungstour zu gehen und eine dichte Wolke aus aufgewirbeltem Sand hinter uns her zu ziehen. Das absolvierte Höhentraining zeigt seine Wirkung, als wir uns die kurvige Strasse hoch zur Laguna Miscanti auf 4250 Metern vorarbeiten. Nur wenig Doping in Form von Coca-Blättern ist diesmal nötig, um uns von höhenbedingter Übelkeit zu verschonen. Auch unser Wagen fühlt sich in dieser Höhe blendend zuhause. Lediglich der grössere Benzin-Durst macht sich in der dünnen Luft bemerkbar. Die Atmosphäre so hoch oben ist ganz speziell. Wie bei der Lagune mit den Pferden weht auch hier kein Lüftchen, kein Geräusch ist zu hören. Während man sich in der Schweiz in dieser Höhe schon fast auf dem Matterhorn befindet, sitzt man hier am Ufer eines Bergsees und geniest die Aussicht auf die noch höheren Vulkangipfel.

Nach einer kurzen Ab- und erneuten Bergauffahrt erreichen wir auf 4350 Metern den geografischen Höhepunkt unserer Reise, nur 20 Kilometer neben der bolivianischen Grenze. Stundenlang begegnet uns kein einziges Fahrzeug. Ganz alleine sind wir auf der endlosen Strasse durch die Mondlandschaft unterwegs. Kein Baum weit und breit, lediglich ein paar Vicunas und ein Wüstenfuchs kreuzen fröhlich hüpfend den Weg und sind mindestens genau so erstaunt darüber uns zu erblicken, wie wir sie. Ob auch die Freude über das Aufeinandertreffen gleich gross ist, sei dahingestellt.

Die Landschaft ist kaum zu toppen – einfach genial. Unsere Münder vor lauter staunen immer halb geöffnet und von der Luft ausgetrocknet. Unser Ziel auf diesem Hochplateau ist das Geothermalgebiet von El Tatio mit den höchst gelegenen Geysiren der Welt. Wasser dampft und sprudelt in apokalyptischer Endzeitstimmung aus vielen Erdlöchern. Jetzt bloss keine Autopanne in dieser Abgeschiedenheit, sonst haben wir den Salat. Denn Mobiltelefon haben wir keines dabei – es hätte zwar sowieso keinen Empfang. 


Bei der Rückfahrt wird die Offroad-Tauglichkeit unseres Wagens auf die Probe gestellt und wie wild am zweiten Schaltknüppel für das Allradgetriebe herumhantiert, welcher sich im Sand und auf steilen Passagen als äusserst nützlich erweist. Ein aus dem Nichts auftauchendes Warnschild lässt uns dann aber zweifeln, ob das Fahren abseits der Strassen eine wirklich so gute Idee war. Dummerweise finden wir uns mitten in einem Minenfeld wieder, ein Überbleibsel aus der konfliktreichen Zeit mit dem Nachbarstaat Bolivien. Aus dem Radio dröhnt unpassenderweise wieder einmal die gute alte Whitney H. – zum Glück nicht unser Henkerslied.




Und täglich grüsst der Buschauffeur

23. Januar 2015

Chile ist riesengross und erstreckt sich von subtropischem Klima bis kurz vor die Antarktis. Wegen den enormen Distanzen ist Busfahren hier wohl oder übel zu einer unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Durchschnittlich jede dritte Nacht verbringen wir in irgendeinem Bus der uns quer durch die Pampa von A nach B verfrachtet. Ein kleiner Trost: Wir sparen uns so manche Hotelübernachtung und legen grosse Strecken im Schlaf zurück. Ebenso gewöhnt haben wir uns an den aus taktischen Gründen hervorgerufenen Verzicht auf Wasser, damit die Bordtoilette so selten wie nötig aufgesucht werden muss. Aber 29 Stunden pausenlos im Bus und im Durchschnitt nur alle sechs Stunden für fünf Minuten Pause zerrt an den Nerven und geht mächtig an die Substanz. Evelyn vertreibt sich die Zeit mit lesen oder schlafen, während ich mir aufgrund fehlender Alternativen einen Silvester Stallone Film nach dem anderen zu Gemüte führe. Die mittlerweile erworbenen wenigen Brocken spanisch reichen aus, um der trivialen Handlung folgen zu können. Die 1606 Kilometer vom Delphin-Paradies Punta de Choros nach Puerto Montt fahren wir praktisch nonstop auf der weltbekannten Panamericana, welche durchgehend die beiden Enden der nördlichen und südlichen Halbkontinente miteinander verbindet. Die Marathonfahrt entspricht in etwa der Strecke Basel London - hin und zurück. Immerhin konnten wir so die in unserer Jugend verpasste Langzeit-Busfahrt ins spanische Partyparadies Lloret de Mar mehr als genug kompensieren.

Wegen einem Verkehrsunfall nur 200 Meter vor uns und anschliessender Totalsperrung der Strasse kommen wir erst um Mitternacht in Puerto Montt an - nach insgesamt 32 unendlichen Stunden auf Achse. Unser gebuchtes Hostel-Zimmer ist, wie schon befürchtet, bereits anderweitig vergeben, was lediglich mit einem Schulterzucken durch die Besitzer kommentiert wird. Einzig das fensterlose Dachkämmerchen wird uns als mitternächtliche Notlösung angeboten. Die Bezeichnung heruntergekommener Taubenschlag ist zwar eher zutreffend. Mehr Notzimmer geht kaum. 

Und überhaupt erinnert die ganze Inneneinrichtung des Hauses an ein heruntergekommenes Bauernhaus aus dem tiefen Rumänien – wie auch die beiden Besitzer. Erinnerungen an unseren lieben Onkel Dan und sein Zuhause werden wach. Die Marke-Eigenbau-Betten sind aus Holzlatten zusammengezimmerte Gestelle mit einem Drahtgitter anstelle eines Lattenrostes. Vier dünne, übereinandergestapelte Schaumstoffmatten dienen als Matratzen-Ersatz. Der Bettüberwurf strotzt vor Katzenhaaren und Staub, die Wände sind vergilbt. Und da ist er wieder, der widerlich fiese und fast schon in Vergessenheit geratene Gestank, der aus den Poren der antiken Kopfkissen entweicht.