Zurück zur Normalität

17. September 2014

Das schlimme Ereignis beschäftigt uns noch einige Tage sehr stark. Erst allmählich  beginnen wir zu begreifen, was eigentlich passiert ist. An unbeschwerte Strandtage ist noch nicht zu denken. Zur Ablenkung und besseren Verarbeitung des Erlebten unternehmen wir einen Insel- und Schnorchelausflug. Die benachbarte Insel bietet eine fantastische Unterwasserwelt mit noch intakten Korallenriffen in vielen bunten Farben und vielen interessanten Meeresbewohnern.    

Auch Evelyn stürzt sich mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen bewaffnet ins hellblaue Nass. Im Verlauf der nächsten Tage finden wir zurück zur Normalität und geniessen die einzigartige Natur, das gute Essen und die gemütlichen Abende zu dritt und mit anderen Reisenden.




Das Leben eines Promis

20. September 2014

Für die Weiterfahrt nach Toraja, weiter nördlich in der Bergwelt Sulawesis gelegen, engagieren wir wieder einen privaten Fahrer. Die Landschaft ist einfach zu schön, um in einem vollgestopften Bus daran vorbei zu fahren. Schliesslich will das Gesehene digital dokumentiert und für die Ewigkeit festgehalten werden. Die Fahrt dauert insgesamt zwei Tage. Vor uns liegen die ersten acht Stunden zu unserem heutigen Zwischenziel. Unser Fahrer namens Ari ist bereits in den Startlöchern, das Auto auf angenehme Temperatur vorgekühlt. Nach ein paar Bissen Toast, der obligatorischen ranzigen Butter, Kaffee aus einem Guiness Bierglas, herzlicher Verabschiedung von unserer Gastmutter und kurzem Durchzählen der Reisegruppe sind auch wir bereit für den Aufbruch. Planmässig um acht Uhr morgens legen wir los. 

Für Entertainment an Bord ist bestens gesorgt. Unser Fahrer erweist sich auch als äusserst geschickter DJ, der es beherrscht, seine Fahrgäste zu begeistern. Es wird die gesamte musikalische Palette in ihrer vollen Vielfalt hoch und runter gespielt. Von Whitney Houston über Lilly Allen bis hin zu Rolling Stones. Von Black Metal über Schnulze zu House Musik mit satten Bässen. Zeitweise so laut, man könnte meinen, sich in einer fahrenden Disco zu befinden. Dieser akustische Genuss in Kombination mit der atemberaubenden Landschaft ist der absolute Burner! Die Stimmung an Bord ist hervorragend. Während musikalisch ruhigeren Phasen erzählt Ari uns viel Wissenswertes über Land und Leute.

Fabian revanchiert sich dankend, indem er ihm unser Regierungssystem erklärt, was ihn sehr zu interessieren scheint. Gleich sieben Präsidente, das würde ihm auch zusagen. Der Mittvierziger Ari ist ein Geselle von der lustigen Sorte. Besonders seine Schadenfreude scheint äusserst ausgeprägt zu sein. Ein beinahe verunfallter Fussgänger oder ein von einem platten Reifen geplagten Automobilisten ist für ihn Grund genug, sich herzhaft schlapp zu lachen.

Nach einigen landschaftlich äusserst beeindruck-enden Zwischenstopps kommen wir nach acht Stunden Fahrt kurz vor Sonnenuntergang in Sengkan, unserem heutigen Zwischenziel an. Das Guesthouse wurde uns von unseren vorherigen Gastgebern in Bira wärmstens empfohlen. Nach einer Woche die WC-Schüssel mit fremden Personen zu teilen, wissen wir das eigene stille oder manchmal auch laute Örtchen wieder richtig zu schätzen.

Ein Rundgang auf den Strassen der Kleinstadt gleicht einem Ausflug in die Welt eines Stars. Nahezu alle Passanten rufen und winken uns mit strahlenden Gesichtern zu. Die Aufmerksamkeit, die uns hier zu Teil wird, ist fast schon extrem. Man könnte fast schon sagen, wir werden belagert. Viele fragen, ob sie ein Foto mit uns schiessen dürfen. Die Mädchen kreischen hysterisch und können ihr Glück über ein gemeinsames Foto kaum fassen. Bei den Jungs bröckelt die coole Fassade – auch sie freuen sich fast schon mädchenhaft.

 

„Hello Mista, hello Mista!“ Während man es in touristischen Gebieten gewöhnt ist, dass einem zurufende Menschen etwas verkaufen wollen, besteht hier wahres Interesse und Neugier über uns fremde Reisende.



Unser Rennfahrer Ari

21. September 2014

Früh morgens um 6 Uhr macht sich bereits der schon fast in Vergessenheit geratene Wecker mit seinem penetranten Klingelton bemerkbar. Doch nicht ohne Grund. Bevor  die lustige Reisegruppe - welche mit Fahrer einberechnet mittlerweile vier Personen zählt - in Richtung Toraja aufbricht, steht ein Bootsausflug auf dem direkt angrenzenden See auf dem Gute-Laune-Programm. Mit einem motorisierten Einbaum-Schiffchen tuckern wir in nur einem Meter tiefen Wasser zu einem mitten auf dem See gelegenen Fischerdorf. Das Dorf besteht aus rund 20 Hausbooten bzw. Flössen mit Häusern darauf, auf denen es sich die Bewohner wohnlich eingerichtet haben. Interessiert lauschen wir den Erzählungen eines hier aufgewachsenen Mannes. Frittierte Bananen und Tee runden das Erlebnisprogramm ab.

Der Hobby-Rennfahrer Ari kratzt ordentlich an den kurvigen Passstrassen hinauf in die Berge von Sulawesi, als gäbe es kein Morgen. Der eigenwillig markante Fahrstil ist alles andere als verwunderlich. Seinen Führerschein hat er gegen etwas Kleingeld und das Absitzen eines zwei stündigen Alibi-Theoriekurses bei der örtlichen Polizei erhalten, ohne zuvor jemals am Lenkrad gesessen zu haben. Seine halsbrecherischen Fahrkünste habe er sich selbst angeeignet, erzählt er stolz.

An seinen Fahrstil haben wir uns mittlerweile wohl oder übel gewöhnt. Was uns aber auch am zweiten Tag immer noch irritiert, ist sein Hang zum zwischenzeitlichen Abschalten der Klimaanlage. Immer wenn es leicht bergauf geht wird diese komplett heruntergefahren, aber nur für ca. 10 Sekunden. Er tue dies, damit sein Auto mehr Power kriege, gibt er auf Nachfrage zur Antwort. Die lockere Bewegung aus dem Handgelenk zur Bedienung des Klimareglers ginge wesentlich leichter von der Hand, als einen Gang runter zu schalten.

 

Die Strassenverhältnisse im höher gelegenen Sulawesi sind vergleichbar mit einer Teststrecke, auf welcher die 30-jährige Nutzung von Fahrzeugen innerhalb von zwei Stunden simuliert wird. Hinzu kommen die vielen Kurven und die abrupten Brems- und Anfahrmanöver von Ari, welche eine gewöhnliche Achterbahnfahrt regelrecht alt aussehen lassen.



Voll vertoastet

23. September 2014

Rantepao ist der Hauptort der Region Torajas, in welchem wir die nächsten Tage zu verweilen gedenken. Das Hotel Wisma Monton, in dem wir vorübergehend wohnen, hat insgesamt 24 Zimmer. Zwei davon werden durch die Besitzer selbst bewohnt bzw. behaust. Zwei weitere werden durch uns drei belegt. Die restlichen Zimmer sind alle frei, d.h. für die nächsten Tage sind wir die einzigen Gäste. Das scheint die Besitzer aber anscheinend nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil: sie machen den Eindruck, als seien sie froh darüber, dass es nicht viel zu tun gibt. Die Zimmer sind einfach aber gemütlich. Noch immer messen wir der eigenen Kloschüssel nach den Gemeinschaftstoiletten in Bira die höchste Wertschätzung bei.

Die ranzige Butter zum Frühstück zieht sich auch hier wie ein roter Faden durch die Tage. Aber immerhin wird der Zucker im Kühlschrank gelagert. Die Anzahl Toastscheiben auf dem Frühstückstisch wird mit jedem Tag weniger, dafür aber krosser. Das weckt die Vermutung, dass die nicht verspeisten Scheiben vom Vortag nochmals getoastet und erneut aufgetischt werden. Am Frühstückstisch unseres vierten Tages werden nur noch fünf mittlerweile zu Zwieback vertoastete Scheiben Weissbrot serviert. In weiser Voraussicht lassen wir die Toasts unbemerkt verschwinden, damit der Bann der staubigen Toastbrote endlich durchbrochen wird. Und siehe da - am nächsten Morgen ist die Menge und Konsistenz der Toastbrote wieder gleich wie am ersten Tag – weich und bleich.




Geisterbahn für Fortgeschrittene

24. September 2014

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Totenkults, wie er in Toraja gelebt und zelebriert wird. Als Erstes stehen die hängenden Gräber von Kete Kesu auf dem Programm. Halb verrottete Holzsärge gefüllt mit Skeletten hängen schief in der steilen Felswand. Es macht den Anschein, als drohen sie demnächst herunter zu fallen. Überall häufen sich die Gebeine von Verblichenen. Totenschädel sind überall am Wegrand oder auf Mauern aufgestellt. Als Fabian uns eine medizinische Erläuterung zum Knochenaufbau anhand eines herumliegenden Unterarmknochens geben will, fällt beinahe ein aufgetürmter Knochen-berg in sich zusammen. Glücklicherweise kann dank schneller Reaktion Schlimmeres verhindert werden.

Das Verhältnis zum Tod ist in Sulawesi viel offener als in den meisten Gebieten dieser Erde. Wenn jemand stirbt, wird der Verstorbene mit haltbar machender Flüssigkeit eingeschmiert, in Tücher eingewickelt und Zuhause in einem Raum aufbewahrt bis genügend Geld für die aufwändige und kostenintensive Beerdigungszeremonie zusammengespart ist. In der Regel dauert das länger. Die mit der Zeit mumifizierten Leichen bleiben bis zu mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten bei der Familie unter einem Dach wohnen. Vom Todeszeitpunkt an bis zur Beerdigung gelten die Verstorbenen noch nicht als tot, sondern lediglich als schwer krank. Über all die Jahre bis zur Bestattung wird ihnen weiterhin Essen offeriert. Erst mit der Beerdigungszeremonie tritt der Verstorbene ins Jenseits über. Auch die Trauer über die eigentlich schon seit langer Zeit verstorbene Person tritt erst jetzt ein.    

Zweiter Programmpunkt des heutigen Tages ist eine Grabhöhle unweit des soeben besichtigten Grabfelsens. Am Höhleneingang begrüssen uns auch schon wieder einige Totenschädel, lustig verziert mit Zigaretten zwischen den Zähnen. Lediglich mit einer Petrollampe ausgerüstet, betreten wir die dunklen Höhlengänge. Bereits nach den ersten Metern müssen wir in der Hocke kletternd eine Verengung passieren. Überall türmen sich Särge oder in Lumpen oder Plastikfolien eingepackte Überresten von Verstorbenen. Einige dieser Särge sind noch fast neu und stehen teilweise erst seit einigen Monaten hier unten. Knochen und Schädel liegen am Boden oder auf einem Felsvorsprung. Beim Gehen knirscht es unter der Schuhsole. Richtig gruselig ist es hier. Nicht auszumalen, wenn die Petrollampe plötzlich den Geist aufgibt. Das Gänsehaut-Feeling ist garantiert.