Hier riecht’s aber streng

01. Dezember 2014

Die Fahrt von Picton nach Kaikoura könnte in einem Bilderbuch nicht schöner gezeichnet sein. Wunderschöne gelbgoldene Hügel im Wechsel mit saftig grünen, unverbauten Wiesen. Das Sahnehäubchen sind die schneebedeckten Berggipfel, welche fliessend in eine Meeresbucht aus türkisblauem Wasser übergehen. Bei diesem Anblick bleibt uns echt die Spucke weg. Das Landschaftsbild hat sich gegenüber der Nordinsel dahingehend verändert, dass die Küste schroffer und die Brandung rauer geworden ist.

Und auch Meeresbewohner leben hier in freier Wildbahn, welche es in der Heimat nur in einem Zoo zu bestaunen gibt. Bei einem felsigen Küstenabschnitt treffen wir doch tatsächlich auf eine wild lebende Seebären- und Seehunde-Kolonie. Diese drollig-plump wirkenden Tiere sind ausgezeichnet getarnt und können doch glatt für ein Stück Felsen gehalten werden, wenn sie nach dem Fische fangen faul herum liegen. Beim herumturnen auf den Felsen treten wir um ein Haar auf eines dieser Geschöpfe drauf.

Nur dank dem olfaktorischen Frühwarnsystem, welches sich in einer aus dem Seebärenschlund stammenden Duftnote aus vergorenem Fisch bemerkbar macht und auf mehrere Meter gegen den Wind wahrnehmbar ist, kann ein direktes Aufeinandertreffen mit vermutlich schmerzhaften Folgen für beide Parteien verhindert werden. Wie wir erst im Nachhinein lesen, sollte zu diesen Tieren unbedingt ein Mindestabstand von 30 Metern eingehalten werden, da diese so knuffig aussehenden Wesen besonders zur jetzigen Jahreszeit schnell mal aggressiv werden können.




Immer Ärger mit Bert

04. Dezember 2014

Bert unser Bus ist uns ja ein lieber Weggefährte geworden. Doch die vielen tausend Kilometer, die er in seinem Leben bereits hinter sich hat bringen müssen, haben ihre Spuren hinterlassen. So zeigt Bert hie und da auch mal seine schlechten Seiten. Zuerst gibt die elektronische Warmwasserheizung den Geist auf, gefolgt von einem Leck im Unterboden aus welchem Wasser unbekannter Herkunft heraustropft. Zu guter Letzt versagt auch noch die Gas-Wasserheizung und wir müssen gezwungenermassen fünf Tage ohne warmes Wasser auskommen. An eine schnelle Reparatur unterwegs ist nicht zu denken.

Nach treuen 2843 Kilometern schmeisst Bert vorzeitig das Handtuch und muss nach Hause und wir müssen ihn zwangsläufig dahin bringen – nach Christchurch in die Zweigniederlassung der Vermieterfirma. Na super, jetzt haben wir uns über die letzten drei Wochen so richtig gut eingerichtet und nun müssen wir den lieben Bert umtauschen. Gedanken an unseren Umzugsmarathon anfangs August werden wach. Der Ersatz-Bert ist ebenfalls bereits von Altersschwäche gezeichnet. Er hat das gleiche Fahrgestell, trägt aber eine dunkelgrüne Lackierung.

Immerhin verfügt er über halbwegs funktionierende elektrische Fensterheber und einen satten Subwoofer jedoch leider nur über eine notdürftige Innen-beleuchtung, was ihm den Namen Kuharsch einbringt. Doch auch unser Neuer zeigt bereits in der ersten Nacht und aufziehender Regen- und Hagelfront seine erste Schwäche – die Karre ist nicht ganz dicht! Das Dach ist doch tatsächlich von etlichen Löchern durchsiebt durch die es direkt in unser Bett regnet. Die Nerven liegen blank. In einem ersten Anflug von erhitzten Gemütern flammt sogar kurz der Gedanke auf, die Bus-Rundreise hier und jetzt sofort abzublasen und mit dem nächsten Flieger die Flucht in ein schönes Hotel nach Bangkok anzutreten. Soweit kommt es zum Glück nicht. Wir bleiben unseren Plänen treu und sind gespannt, welche Macken als nächstes ans Tageslicht kommen.



Der analoge Nerd

05. Dezember 2014

In einem idyllischen Kaff namens Geraldine wartet, obwohl nicht im Reiseführer erwähnt, eine besondere Attraktion auf sich verirrende Besucher. In einem unscheinbaren Strickwarenladen namens Giant Jersey hängt mit fünf Kilogramm Gewicht der mit Guinessbook-Auszeichnung zertifizierte, schwerste Woll-Pullover der Welt! Sein Schöpfer ist Inhaber des Ladens und sichtlich stolz über sein beachtliches Werk. Zehrt er knapp zwanzig Jahre danach noch immer vom grossen Ruhm in den regionalen Käseblättern. In einem Hinterraum zeigt uns der Meister der Strickkunst ein weiteres, nicht minder zu schätzendes Werk. Für das im Verhältnis 1:2 nachgebaute, mittelalterliche Mosaik, welches die uns nichts sagende, französische Schlacht von Bayeux abbildet, hat er über 33 Jahre lang seine Freizeit und offensichtlich auch sämtliche soziale Kontakte geopfert.

Das Mosaik besteht aus über drei Millionen einzeln gestanzter Metallplättchen, welche er eigenhändig einzeln ausgestanzt hat, erzählt er stolz. Als wäre das noch nicht krank genug offenbart er, dass er in seinem Mosaik einen unsichtbaren 10’000 Ziffern langen Zahlencode eingearbeitet hat. Für gleichgesinnte Freaks und Rätselfreunde gibt es das Mosaik als hochaufgelöstes Foto für schlappe 50 Dollar auf einem USB-Stick zu kaufen. So viel Enthusiasmus für eine (zumindest aus unserer Sicht) so unbedeutende Sache ist schon fast beängstigend. Wäre dieser Mensch 30 Jahre später geboren worden, wäre er das klassische Beispiel für einen Computer-Nerd geworden. Aber so wird ihm immerhin der Titel „analoger Nerd“ gerecht.



Die Schweiz in noch schöner

06. Dezember 2014

Die Region um die Seen Lake Taupo und Lake Pukaki ist kaum zu übertreffen und atemberaubend schön. Das frisch geschmolzene Gletschereis lässt das Wasser der Seen in einem satten Türkisblau glitzern. Die Kulisse wird von verschneiten Berggipfeln geschmückt. Es sieht ähnlich aus wie in der Schweiz, einfach noch einen Zacken schöner. Dies kommt vielleicht auch daher, da die Region kaum besiedelt ist und kaum von Menschenhand geschaffene Bauwerke die Sicht trüben.

Es fehlt nur noch, dass das liebe Heidi und der gute Geissen-Peter über den Weg laufen und einen Jodler zum Besten geben. Aufgrund der geringen Besiedelung und daher auch geringen Lichtverschmutzung wurde die Region zu einem der weltweit wichtigsten Lichtschutz-Gebiet gekürt in dem der Nachthimmel besonders gut zur Geltung kommt und beobachtet werden kann.





Petri Heil im Mondschein

08. Dezember 2014

Es ist ruhig an diesem schönen Freitag Morgen. Nur die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, es ist endlich frühsommerlich warm. Noch nichts deutet darauf hin, was sich heute noch zutragen wird. Nachdem sich gestern der potentielle Rekord-Fang der bisherigen Fischerkariere kurzerhand lachend mit einem doppelten Toeloop und dreifachen Axel vom Haken verabschiedet hat, steht heute die grosse Revanche an. Bereits beim Aufwachen ist es der erste Gedanke: Heute ist der Tag der Abrechnung.

An einem schönen Bergsee schlagen wir unser Fischerlager auf und versuchen erneut unser Glück. Doch die Fische scheinen in der grellen Mittagssonne eine Siesta einzulegen – nur ein Fisch von durchschnittlicher Statur zappelt am Haken. Der alleine reicht nicht ganz für eine ausgiebige Mahlzeit. Die Stunden verstreichen. Alle anderen Fischer haben die Rute bereits an den Nagel gehängt, doch wir beide halten uns ran und die Ruten immer noch am Anschlag tapfer in den eiskalten Alpin-See. Kaum sind die letzten Sonnenstrahlen hinter den Berggipfeln verschwunden, beginnen die Fische endlich doch noch fleissig zu beissen und springen freudig aus dem Wasser.

 

Und dann plötzlich zuckt es richtig stark an der Rute. Der Stärke nach muss sich da etwas Grösseres am Haken verbissen haben. Der Kampf beginnt. Das Adrenalin schiesst in sämtliche Adern. Die Billigrute aus dem Supermarkt ist bis zum Anschlag durchgebogen wie ein Flitzebogen, sodass sie schier zu zerbrechen droht. Der verbitterte Kampf Mensch gegen Tier zieht sich über mehrere Minuten hin, dann ist der grosse Moment gekommen. Aus dem dunklen Wasser sehen wir zuerst nur einen Schatten auftauchen bevor sich der ganze Fisch in seiner vollen Grösse an der Oberfläche zeigt. Ein wirklich grosser Brocken, der da am Haken hängt. Evelyn hantiert geschickt mit dem Netz und bringt den Fisch sachte in trockene Tücher. Mit einem grossen Stein werden der Bestie primitiv aber effektiv die Lichter ausgeknipst. Das Kräftemessen ist beendet. Die beiden Sieger stehen fest - der Triumph ist unser.

Es ist bereits dunkel, nur der Mond steht am Himmel als der zweite grosse Fang eingefahren wird. Lediglich mit einer Stirn- und einer LED-Lampe ausgerüstet wird gekämpft bis auch dem zweiten Fisch das Zappeln vergeht. Der fade Beigeschmack: Als Evelyn ihre Angel stehen lässt und zu Hilfe eilt, um das Riesenvieh an Land zu bringen, beisst ausgerechnet in dem Moment ebenfalls etwas Kräftiges an ihrem Haken. Mit einem Ruck fliegt die schöne pinke Angelrute in hohem Bogen ins Wasser und verschwindet mitsamt dem Fisch in den Tiefen des Sees.


Was mit einer langwierigen Geduldsprobe begonnen hat, endet in einem grossen Schlachtfest im Lichte der Autoscheinwerfer mitten auf der Bergstrasse. Kurzerhand wird der Campingtisch zum OP-Tisch umfunktioniert. Die Tiere werden ausgenommen und nach bestem Wissen halbwegs fachmännisch zerlegt. Erinnerungen an die Schlachtzeremonie in Rantepao werden wach.

 

Da Fisch nur frisch wirklich lecker schmeckt und wir nicht unbedingt Lust haben, uns in den nächsten drei Wochen ausschliesslich von Alpin-Forelle zu ernähren, teilen wir einen Grossteil des prächtigen Fangs mit einer sechsköpfigen Gruppe ausgemergelter und hungrig dreinblickender Studenten aus Malaysia sowie mit einem (selbstbezeichnet) fischsüchtigen Pärchen aus Australien. Auf jeden Fall ist uns mit diesem Fang der tiefe Respekt der lokalen Fischergemeinde sicher - und geschmeckt haben die lieben Fische 1A!





Vagabundieren wie Zigeuner

11. Dezember 2014

Das Glück ist uns hold und wir bekommen an der Küste von Oamaru einige der nur noch insgesamt 4000 lebenden Gelbaugenpinguine zu Gesicht. Sie gehören somit zur seltensten Pinguin-Art der Welt. Lustig watscheln sie umher oder stehen mit dem Flügel erhoben in der Landschaft herum. Königsalbatrosse mit drei Metern Flügelspannweite ziehen majestätisch ihre Kreise über der felsigen Küste. Auch das ein nicht alltäglicher Anblick - befindet sich hier eine von weltweit nur zwei Festlandkolonien dieser Vogelart.

Nach gut drei Wochen auf engstem Raum können wir uns ein Leben in einer Wohnung  mit festen Wänden und ohne Räder kaum mehr vorstellen. Unseren Minihaushalt haben wir uns gut eingerichtet und sind daran gewöhnt auf nur 4,5 Quadratmetern zu leben. Das allabendliche Umtransformieren der Inneneinrichtung geht wortlos und fast schon blind vonstatten. Aus dem Wohn- und Essraum wird mit (mittlerweile) wenigen Handgriffen das kleine aber feine Schlafgemach mit einem 2 Meter langen und 1.40 Meter breiten Bett. Besonders beruhigend beim Einschlafen ist der Gedanke an die zehn Zentimeter unter dem Kopf installierte Gasflasche. Duschen an Bord unserer Blechkiste ist aufgrund der doch sehr eingeschränkten Bewegungsfreiheit ein Thema für sich. Zumindest bei mir sind bisher noch nie zuvor ausgeübte Verrenkungen nötig, um mir nicht den Kopf zu stossen. Immerhin ist nach wochenlanger Dehnübung unter der Dusche ein Job im Zirkus als Schlangenmensch sicher.

Die Arbeitsteilung an Bord ist klar geregelt. Evelyn sorgt für das ausgezeichnete, kulinarische Wohlergehen, kümmert sich um die Vorräte, plant die Reiseetappen und fungiert als analoges Navi. Meine Aufgabe ist es, das Gefährt halbwegs sicher auf den Strassen zu manövrieren, den Holzkohle-Grill einzuheizen und die technischen Belange zu überwachen bzw. mit der Vermieter-Agentur zu telefonieren, wenn unser Bus mal wieder eine Macke hat.


In unserem aktuellen Leben als Hobby-Zigeuner geniessen wir es trotz kleiner Unannehmlichkeiten durch das Land zu vagabundieren und uns jeden Abend an einem anderen Ort nieder zu lassen. Da unser Bus über sanitäre Einrichtungen verfügt, sind wir nicht auf Campingplätze angewiesen und übernachten vorwiegend auf Plätzen entweder direkt am Strand oder in Mitten der Natur. Manchmal aber auch auf Parkplätzen in einer Ortschaft, so zum Beispiel in der Stadt Dunedin, wo wir auf einem Parkplatz direkt hinter einem Pub übernachtet haben. Weil uns die Reise im Bus so gut gefällt und die Weiterreise noch in den Sternen steht, verlängern wir unsere Tour um eine weitere Woche.


Sicherheitsfimmel

14. Dezember 2014

Sicherheit wird in Neuseeland mehr als gross geschrieben. So prangen am Strassenrand alle paar Meter bunte Plakate mit Sicherheitshinweisen oder abschreckenden Bildern von schweren Verkehrsunfällen. Tafeln bei Parkplätzen am Strand predigen, dass man zum Beispiel genügend warme Kleidung und Wasser auf eine Bootstour mitnehmen sollte. Auf Plastiktüten von der Frischfleisch-Teke steht in dicken Lettern aufgedruckt, dass diese bei Verzehr zum Tod führen können und jeder Supermarkt verfügt im Fall der Fälle über einen Evakuierungsplan und ein in gelber Farbe markiertes Evakuierungsfeld auf dem Parkplatz. Die Sicherheits-Anzündwürfel für die Holzkohle sind so sicher, dass sie nur mit grosser Mühe entflammt werden können. Ebenso die Streichhölzer. 

Auch mit Verboten wird nicht gegeizt: Vielerorts stehen Schilder auf denen steht, was man alles zu unterlassen hat. So ist es in den sogenannten Liquor-Ban-Zonen beispielsweise verboten, nach neun Uhr abends Alkohol zu konsumieren. Und dieser ist im Supermarkt ohnehin erst mit 25 Jahren erhältlich.

 

Mit diesem extremen Sicherheits- und Verbotswahn wird wohl versucht die ohnehin schon kleine Bevölkerung vor der Selbstausrottung zu schützen. Was dann aber mehr als verwunderlich ist, dass selbst bei engen kurvigen Strassen mit Kieselsteinbelag die Geschwindigkeitslimite bei satten 100 km/h liegt!



Käpt’n Iglo lässt grüssen

18. Dezember 2014

Der südlichste Zipfel von Neuseeland ist kaum noch besiedelt und von beeindruckender Natürlichkeit geprägt. Ausser Seehunden, Seebären, Seelöwen, ein paar Pinguinen und lustigen Federtieren mit langen Schnäbeln gibt es hier nur haufenweise Sand, Gras und Meer. Das Strandbild erinnert an die Werbung der Bier-Marke Jever, in der sich ein Typ mit einem Bierglas in der Hand rücklings in einen mit Farngräsern bewachsenen Sandhaufen fallen lässt. Beim sogenannten Slope Point erreichen wir den südlichsten Punkt von Neuseeland. Von hier aus ist die Antarktis nur noch ein grosser Purzelbaum entfernt, was wir durch den hier wehenden, arktischen Wind zu spüren kriegen.

Nach vier Wochen ohne den Rasierapparat zu benutzen, hat meine Gesichtsbehaarung ordentlich zugelegt. Käpt’n Iglo Junior lässt Grüssen. Das verwahrloste Äussere hat aber seine Vorteile: Im Supermarkt zum Beispiel wird eine Packung Muffins schon nur beim hungrigen Anschauen ohne nachzufragen mit einem Rabattkleber vergünstigt. Bei der Frage nach einem Restaurant wird automatisch auf besonders günstige Imbisse verwiesen. Noch weitere drei Wochen und ich könnte doch glatt an den Oberammergauer Passionsspielen die Hauptrolle übernehmen. Und dann passiert, was früher oder später passieren musste. Beim herumhantieren mit einem Feuerzeug mit dem Ziel einen Glimmstängel anzuzünden, gerät die Flamme des Windes wegen ausser Kontrolle und schmürzelt die linke Seite meines Schnauzbartes ab. Wieder mal ein Grund für Evelyn sich herzhaft schlapp zu lachen.




Am Rande des Abgrunds

20. Dezember 2014

Das Fjordland im südlichen Westen gehört mit 7000 ml Regen pro Jahr zu den regenreichsten Regionen der Welt. Nicht gerade rosige Aussichten mit einer alten Rochel bei der das Dach nicht ganz dicht ist in einem Gebiet wie diesem die Zelte aufzuschlagen. Während der Nacht sind wir hauptsächlich damit beschäftigt, Plastiktüten mit Stecknadeln unter den tropfenden Stellen zu befestigen und die Mückenplage im Bus auszurotten. Doch wird uns das grosse Glück gegönnt, wie es für Besucher dieser Gegend nur selten zutrifft. Am nächsten Tag klart der Himmel auf und wir bekommen den berühmten Fjord Milford Sound bei strahlend blauem Himmel zu Gesicht. Steile, teils mit Bäumen bewachsene Felswände ragen senkrecht aus dem tiefblauen Wasser. Die etlichen, plätschernden Wasserfälle unterstreichen die mystische Stimmung der weltweit höchsten Fjorde.

Getrieben von den an der Westküste weit verbreiteten und lästigen Sandfliegen schlängeln wir uns die kurvige Küstenstrasse hoch in Richtung Tasman-Region im Norden der Südinsel. Die Landschaft beeindruckt durch steile Felsen und unberührte Natur. Nur ein Prozent aller Einwohner Neuseelands leben in dieser einsamen Region. Dies will natürlich auch fotografiert sein. Beim zurücksetzten und rückwärts einbiegen in eine Aussichtsparknische trägt sich ungewollt eine stuntreife Sondereinlage zu, da die unüberschaubare Strasse sich leider nicht ganz dort befindet, wie angenommen.

Wir kommen prompt von der Fahrbahn ab. Wie in einem Actionfilm stehen wir am Rande einer steil abfallenden Böschung. Der Bus hängt vorne links bereits schräg über. Jede kleinste Bewegung lässt ein paar Steine abbröckeln und bringt den Bus noch mehr in Schieflage. Vorsichtig öffne ich die Türe und lehne mich zum ausgleichen der Balance zum Wagen hinaus, damit Evelyn aussteigen und sich in Sicherheit bringen kann. Das rechte Hinterrad schwebt bereits rund einen halben Meter über dem Asphalt. Rückwärts geht nichts mehr, die Karre droht demnächst um zu kippen.

Mist. Ausgerechnet bei dieser Anmietung haben wir auf das teure Sorglos-Versicherungspaket verzichtet und uns stattdessen für die günstige Variante, die sogenannte Gambler-Versicherung (Zocker-Versicherung) entschieden. Geistesgegenwärtig hängt sich Evelyn ans Fahrzeugheck, um die Schräglage etwas auszugleichen, während ich die Bremse sachte loslasse. Der Unterboden kratzt über die steinige Kannte, der Bus rollt die Böschung hinunter. Wie durch ein Wunder geht die Sache gerade nochmal glimpflich aus. Wir sind mehr als froh und unsere Gesichter kreidebleich.



Vom Goldrausch benebelt

21. Dezember 2014

Stundenlang fahren wir noch immer die kaum besiedelte Westküste hoch. Hier gibt es kein künstliches Licht, keine Strommasten geschweige denn Mobilfunk- oder Radioempfang. Den Sternenhimmel sehen wir so klar, wie wir ihn noch nie erleben durften. Die Milchstrasse leuchtet hell wie eine milchige Suppe. Ausser zwei sehr beeindruckenden Wanderungen zum Fusse des Fox- und Franz-Josef-Gletschers bietet diese Seite der Insel jedoch nur wenig Abwechslung.

Die Region um Hokitika ist seit jeher bekannt für ihr Goldvorkommen. Noch immer locken die verborgenen Bodenschätze glücksuchende Schürfer an. So auch uns. Vom Goldfieber gepackt erstehen wir kurzerhand zwei Schürfpfannen und begeben uns an einen Fluss der seinerzeit für einen wahren Rausch gesorgt hat. Doch ausser ein paar mikroskopisch kleinen Goldschüppchen und ein paar vermeintlich nach Goldnuggets aussehenden Steinchen fördern wir nicht den erhofften Jahrhundertfund zu Tage. Uns bleibt nur ein rot gebrannter Nacken, ein leichter Sonnenstich und zwei Schürfpfannen, welche immerhin noch als Obstkorb-Ersatz Verwendung finden. Haben wir uns doch schon Sorgen gemacht und einen Plan ausgeheckt, wie wir die fetten Goldnuggets unbemerkt an der Grenzkontrolle vorbei ausser Landes schmuggeln könnten.


Wie wir ein paar Tage später schmerzhaft aus der Heimat erfahren müssen, hat eine gemeine Schurkenbande ironischerweise in just dem Moment wie wir nach Gold geschürft haben, den grossen Safe mitsamt all unseren eingelagerten Wertsachen mitgehen lassen - insbesondere Evelyns gesamten Schmuck. Das Fort Knox Riehens ist wie vom Erdboden verschluckt.



Wohin bloss mit all dem Schnickschnack?

22. Dezember 2014

In den vergangenen Wochen hat sich so einiges an neuer Ausrüstung, Kleidung, gesammelten Steinen, Muscheln und Sandproben angesammelt. Die Verlockung unseren Reisehausrat aufzustocken war gross, da wir ja schliesslich über ein paar Quadratmeter Stauraum verfügt haben. Der Auszug aus unserem Daheim auf Rädern kommt daher schon fast einem Umzug gleich. Die neu erstandenen Sachen, insbesondere die Fischerausrüstung, sind uns stark ans Herz gewachsen. Mitnehmen können wir sie leider nicht aber davon trennen können wir uns auch nicht. Die Einzige Lösung: die Ware muss auf dem Postweg zurück in die Schweiz.

 

In einem Altpapiercontainer eines Jäger- und Fischerbedarfladens finden wir eine alte Kartonschachtel, deren Grösse und Format es erlauben sowohl die Angelruten als auch die Goldschürfpfannen, Fleecehose und Fleecejacke, Steine, Muscheln, Treibholz, Sand, eine Campinglampe, ein scharfes Rüstmesser und weitere lieb gewonnene Dinge zu verpacken. Damit die bereits ramponierte Schachtel den langen Nachhauseweg auch heil übersteht, verpassen wir ihr einen Schutzmantel bestehend aus 100 Meter Klebeband, was ihr Aussehen einem antiken Mumiensarg gleichkommen lässt. Bleibt zu hoffen, dass die auffällige, hässliche Verpackung nicht die Neugier der Zollbeamten weckt. Doch bei der Postaufgabe droht das ganze Vorhaben den Bach runter zu sausen. Erlaubt ist eine Maximallänge von einem Meter. Unser Sargkarton misst aber 1,2 Meter. Es gibt nur eins – das Paket muss drastisch abgespeckt werden. Diagonal hinein gestopft und leicht angebogen passt dann auch die Angelrute auf den Millimeter genau in die Formatvorgabe. Unsere 13,43 Kilogramm wiegenden physischen Erinnerungen machen sich auf den langen Weg in die Schweiz und werden wegen der unhandlichen Verpackung sicherlich den einen oder anderen Postbeamten zum fluchen bringen.



Lustig war das Zigeunerleben

24. Dezember 2014

Etwas wehmütig werden wir schon, als wir die Schlüssel unserer Einzimmer-Blechwohnung abgeben und ohne fahrbaren Untersatz von dannen ziehen müssen. Das war’s jetzt also mit der grossen Freiheit auf vier Rädern, dem süssen Ziegeunerleben. Nach exakt 7532 Kilometer vorwiegend barfuss am Steuer und 43 Mal die Schlafgelegenheit auf und abbauen ist Schluss mit faria faria ho. Doch der Wehmut folgt sogleich die unbändige Freude über unser neues, flächenmässig acht Mal grösseres Domizil mitten in der Sky-City in Auckland. Zur Feier der Weihnachtstage winkt uns der Portier des noblen Fünfsterne Hauses vom roten Teppich aus zu. Bereits am Vormittag sind wir auf der letzten Fahrt mit unserem Bus vorgefahren, um das Gepäck abzuladen. Wie es sich für ein Hotel dieser Klasse gehört, parkt der Portier, welcher sich sonst nur die Schaltknüppel von Nobelmarken gewöhnt ist, stilvoll mit weissen Handschuhen unsere Dieselschleuder.

Echt klasse, dass es uns nicht mehr ins Bett regnet und wir nachts auch nicht mehr die mit Wasser gefüllten Plastiktüten entleeren müssen. Schon alleine das Zweiraum-Badezimmer bietet einiges mehr Platz als wir die letzten sechs Wochen in unserem Leben als Diesel-Nomaden zur Verfügung hatten. Und auch das bequeme Kingsize Bett steht schon schlafbereit da und muss nicht zuerst aufgebaut werden. Bequem in Daune gebettet schlummert es sich wirklich fürstlich. Als wäre das noch nicht genug des Luxus gibt es zur Feier von Weihnachten zum ersten Mal seit wir die Schweiz verlassen haben Rotwein aus stilvollen Weingläsern. Süsser die Gläser nie klangen.



Ho ho ho... Obdachlos an Weihnachten

25. Dezember 2014

Unsere schicke Bleibe in Auckland ist leider nur auf kurze Zeit gepachtet. Heute müssen wir Leine ziehen. Weil wir Morgen in aller Früh um drei Uhr bereits am Flughafen stehen müssen, macht es unter Berücksichtigung unseres nicht unerschöpflichen Reisebudgets wenig Sinn nochmals eine ganze Übernachtung in der noblen Residenz zu buchen. So verbringen wir den Weihnachtstag ohne feste Bleibe durch die Stadt schlendernd und den Weihnachtsabend zunächst in einem Restaurant mit belgischem Bier unter freiem Himmel bei 23°C und anschliessend verschaffen wir uns in der Lobby unseres ehemaligen Hotels Asyl. Immerhin steht ein grosser, festlich dekorierter Weihnachtsbaum direkt neben dem Sofa, was für die nötige Fest-Stimmung sorgt.



Kurz gesagt...

25. Dezember 2014

Neuseeland ist top! Das Campieren in freier Wildnis, die Lagerfeuer am See, der Kampf mit den Fischen, die unzähligen Grashügel übersät mit unzählbar vielen Schafen und das Befahren von tausenden Kilometern Strasse – ein wunderbares und unvergessliches Abenteuer. Sind wir vor sechs Wochen noch als Camper-Amateure gestartet, zählen wir in Camperkreisen mittlerweile zum alten Eisen. Kulturell betrachtet, fällt das Land nicht gerade aus dem Rahmen. Der ursprünglichen Maorikultur begegnet man leider höchstens noch in Themenparks oder Museen. Aber landschaftlich ist Neuseeland etwas vom schönsten und kontrastreichsten, was wir bis jetzt bereist haben. Und auch die Freundlichkeit der Kiwis lässt nichts zu wünschen übrig.

 

Während den sechs Wochen in diesem wunderbaren Land ist uns so einiges klar geworden:

  • Um glücklich zu sein, brauchen wir nicht viel Wohnraum
  • Es gibt hier mehr Deutsche als Gelbaugen-Pinguine
  • Linksverkehr ist gar nicht so verkehrt, wie angenommen
  • Die Strassen wären auch super per Motorbike zu erkunden
  • Es gibt ein Land auf dieser Welt, das noch sauberer ist als die Schweiz
  • Neuseeländer sind fanatische Rasenmäher (jedes noch so abgelegene Fleckchen grün wird mit einem Rasenmäher getrimmt, bis es so aussieht wie der Rasen von Wimbledon)
  • Lieber schwitzen statt frieren (und lieber eine hässliche Faserpelzjacke mit schlechtem Schnitt als gar keine)
  • Evelyn mag mich mehr im Antlitz eines Hobbybauern (verwahrlost mit Bart und einer Frisur wie ein Strassenhund)
  • Die Neuseeländer sind alles Naturburschen - auch die Frauen
  • Es gibt hier wirklich doppelt so viele Schafe, wie Einwohner
  • Die Traubensorte Merlot wärmt mit Abstand am besten...