Der Abschied naht in grossen Schritten

16. August 2014

Es ist der 16. August 2014, Punkt neun Uhr. Der Wecker klingelt in voller Lautstärke - aber wir bleiben liegen. Dreissig Minuten später klingelt der nervig tönende Wecker erneut. Aber wir bleiben immer noch liegen. Noch die letzten fünf Minuten in einem heimischen Schweizer Bett geniessen und für die nächsten dreissig Stunden das letzte Mal in der Horizontalen liegen, dann schaffen wir es endlich uns aufzuraffen. Jetzt geht es ans Eingemachte – wir sind beide sichtlich aufgeregt. Bereits um 11:30 Uhr werden wir abgeholt und zum Zürcher Airport chauffiert. Dort angekommen wartet schon ein Teil des Abschieds-Komitees auf uns. Es ist einfach rührend, welche Menschenhorde sich hier zu unserem Abschied versammelt hat.


Good Afternoon Vietnam oder so ähnlich...

17. August 2014

Nach einer gut 20-stündigen Reise kommen wir nach Zwischenstopps in Zürich, Doha und Bangkok endlich in Hanoi an. Es ist Nachmittag 15 Uhr. Die Luft zum schneiden feucht und rund 36 Grad heiss. Es fühlt sich an wie im Herbarium - nur ohne Kräuter.

 

Da wir das Reiseziel Vietnam quasi spontan auserkoren haben und die letzten drei Wochen mit Zügeln, Verabschieden, 1. August feiern, Einkaufen und sonstigem verbracht haben, stehen wir nun gänzlich unvorbereitet in einem fremden Land.

 

Ziemlich durch den Wind und gezeichnet vom Jetlag beginnt die grosse Rechnerei mit der neuen Währung genannt „Dong“ - hätten wir uns doch wenigstens diesbezüglich vor der Reise mal schlau gemacht. Aber egal, das kriegen wir schon hin. Nach mehrmaligem Versuch, dem Bankautomaten am Flughafen Geld zu entlocken, klappt es dann schliesslich auch. Sage und schreibe 2'000'000 Dong spuckt das Gerät aus und wir sind auf einen Schlag Millionäre! Was sich nach viel Geld anhört relativiert sich, wenn man bedenkt, dass 20'000 Dong gerade mal einem Franken entsprechen.

Der Empfang im Hotel „Royal Palace Hotel 2“ (auf Vietenglisch gesprochen: Royau Penet Hote-u) gestaltet sich äusserst freundlich. Wir dachten immer Asiaten hätten eine R-Schwäche – doch dieser Zeitgenosse scheint es nicht so mit dem L zu haben. Nach einem Begrüssungsgetränk und zwei gefrorenen Waschlappen mit denen wir uns den Schweiss von der Stirne polieren, folgt schon die erste Verkaufsanbahnung. Der gewiefte Hotelangestellte entpuppt sich nämlich als äusserst ambitionierter Reiseplaner. „Hau jong ju stey in Vietnam?“ Der übereifrige Vietnamese zückt ein Blatt Papier und notiert untereinanderstehend jedes einzelne Datum beginnend von heute bis in drei Wochen. Er hätte uns liebend gerne unseren gesamten Vietnamaufenthalt durchgeplant und natürlich mit unzähligen Ausflügen und Sonderaktivitäten gespickt. Doch nach den ersten vier durchgeplanten Tagen, als der gute Herr mal kurz Luft holen muss, lehnen wir dankend ab und wollen nur noch auf unser Zimmer.


Frischfleisch auf Hanois Strassen

18. August 2014

Als unverkennbares Frischfleisch auf Hanois Strassen, werden wir bereits von den ersten geschäftstüchtigen Vietnamesen angegangen. Asiatische Strassenhändler haben die Fähigkeit den Geruch der Neuankömmlinge zu riechen und ihnen das bei Ankunft am Flughafen gewechselte Geld aus den Taschen zu ziehen. So findet sich Evelyn schon nach wenigen Schritten ausserhalb des Hotels plötzlich mit einem landestypischen Reishut auf dem Kopf und einem Joch mit angehängten Gemüsekörben auf den Schultern wieder. Während ich mich über diese unverhoffte Szenerie freue und zu fotografieren beginne, kommt auch schon der nächste Strassenhändler angeflogen. Er blickt schockiert auf meine wohlgemerkt nagelneuen Flipflops und meint, so könne ich auf keinen Fall weiter laufen:  „Ohhhh Sir, no good!“ Die müssen unbedingt aufgerüstet werden, fuchtelt er. Mit Sekundenkleber und einem Stück altem Autoreifen bewaffnet, stürzt er sich auf meine Füsse, reisst einer der beiden Flipflops an sich, zückt den Sekundenkleber und will tatsächlich den Autoreifen für die Ewigkeit daran festkleben. Hätte ich da nicht gleich reagiert, müsste ich jetzt mit einem Autoreifen verstärkten Absatz-Flipflop um die Welt reisen.


Ein Rundgang in der Sauna – die Altstadt von Hanoi

19. August 2014

Nach einer halbwegs erholsamen, von Strassen- und kommunistischem Propagandalärm durchzogenen Nacht in unserem vollklimatisierten Hotelzimmer, machen wir uns auf Entdeckungsreise auf bisher unbe-kanntem Terrain. Das heiss-schwüle Klima Hanois schlägt uns mit voller Breitseite ins Gesicht. Mir läuft der Schweiss schon nach wenigen Sekunden sturz-bachartig die Kimme runter, während Evelyn endlich mal nicht friert. Kein Wunder – bei einem gefühlten Klimawechsel aus der Antarktis in die Tropen.

 

Wir schlendern durch die malerischen Strassen und Gassen der Altstadt und sind fasziniert von den vielen Dingen, die es hier zu entdecken gibt. Das Stadtbild ähnelt dem eines Dorfes, denn kaum ein Gebäude hat mehr als drei Stockwerke. Man würde nicht vermuten, dass hier 6,5 Millionen Menschen leben. Evelyn kommt kaum nach mit fotografieren, so viele einmalige Sujets springen ihr vor die Linse. Die meisten Sujets tragen einen Reishut und Evelyn macht sich einen Sport daraus, möglichst viele Reishut-tragende Menschen auf ein Foto zu kriegen. Fünf auf einen Streich ist bis Dato die Bestmarke - diesen Rekord gilt es jetzt zu schlagen!


Mit jedem Schritt in dieser Sauna wird das Gehen mühsamer. Nicht nur ich, sondern auch meine Flipflops schmelzen bei dieser Hitze dahin und die Gummisohlen scheinen sich in ihr Ursprungsprodukt Kautschuk zurück zu verwandeln. Der Strassenhändler hat es wohl schon sehen kommen - hätte ich ihn doch bloss das Stück Autoreifen an meinen Flipflops festkleben lassen. 

 

Getrieben vom Hupen der vielen Roller und Autos schleppen wir uns weiter durch die Stadt. Das Gehupe beim überqueren der Strasse ist das Einzige was mich momentan vorwärts treibt. Verkehrsregeln, wie in Europa gibt es hier nicht. Es gilt das Gesetz des Stärkeren. Unmotorisiert gehören wir somit zum schwächsten Glied in der Verkehrskette. Wir lassen uns treiben wie Plankton, in der Hoffnung nicht gefressen zu werden.

Zum Glück befindet sich alle hundert Meter ein rettendes Geschäft mit Ventilator oder Klimaanlage in das wir uns flüchten können. Ich gebe sogar vor, mich für Schminkprodukte zu interessieren, nur um wenigstens einige Sekunden im herrlich kühlenden Strahl der Klimaanlage verweilen zu können, während Evelyn wahres Interesse zeigt. Die freundlichen Ladenbesitzer zeigen sich verständnisvoll für meine Situation uns lassen mich gewähren. Auch Evelyn hat zum Glück grosses Einfühlungsvermögen, obwohl Sie es beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, wie ich leide. Sie fühlt sich pudelwohl.


Ein Ausflug mit Schwimmweste

20. August 2014

Ein Ausflug in die malerische Bucht von Halong gehört zum fixen Programmpunkt eines jeden Vietnamreisenden. Wir buchen eine zweitägige Bootstour mit Übernachtung inklusive Aktivitäten-programm. Bereits am nächsten Morgen geht es los. Mit noch halb geschlossenen Augen und Bettwäschefalten-Abdrücken im Gesicht werden wir von einem Minivan abgeholt. Rund drei Stunden dauert die holprige Fahrt im vollgestopften Bus bis wir die Halong Bay mit ihren teils Monolith-ähnlichen, aus dem Wasser ragenden Felsformationen erreichen. Einfach traumhaft dieser Anblick! Das Boot macht einen soliden Eindruck – unsinkbar, wie die Titanic.

Nebst nicht nennenswerten Holländern und Spaniern ebenfalls mit an Bord sind Sarah und Christian - zwei äusserst sympathische und amüsante Grenznachbarn aus deutschem Lande, mit denen wir eine sehr lustige Zeit und einen feuchtfröhlichen Abend mit viel Tiger-Beer verbringen. (Sie sind es auch, die mich auf dem Ausflug dank ihrer Wasserspende vor dem sicheren Austrocknungstod bewahrt haben – herzlichen Dank nochmals!)



Dosenfleisch macht auch satt

21. August 2014

Nach einem ereignislosen Flug von Hanoi nach Danang und einem Disput mit dem Taxifahrer, der uns um sagenhafte 10’000 Dong hat übers Ohr hauen wollen, werden wir in unserem Guesthouse um ein Uhr morgens herzlich von zwei Kakerlaken begrüsst. Bei dieser höchst inflationären Währung verliert man schnell die Relation. Man vergisst, dass es sich dabei eigentlich nur um 50 Rappen handelt und fühlt sich gleich um sein gesamtes Vermögen betrogen.

 

Handelt es sich wirklich um die Unterkunft mit den hervorragenden Bewertungen auf Tripadvisor in der wir uns gerade befinden? Es sieht irgendwie alles so anders aus als auf den Hochglanzbildern im Internet. Kurzerhand ins W-LAN eingeloggt müssen wir leider feststellen, dass es sich wohl doch um die richtige Unterkunft handelt. Wie auch immer diese Bewertungen zustande gekommen sind, ist und bleibt ominös. Aber egal, es ist ja schliesslich nur für eine Nacht, bevor es am nächsten Tag nach Hoi An weitergeht. Da in diesem Ort um diese Uhrzeit bereits alle möglichen Nahrungsquellen versiegt sind, finden die mitgeschmuggelten Blevita-Kekse, die heiss geliebten Minipic-Salamiwürstchen und das Dosenrindfleisch bereits ihren ersten Verwendungszweck. Als prophylaktische Sicherheitsmassnahme werden noch kurzerhand die Anti-Bettwanzen-Schlafsäck ausgerollt und dann schlummern wir satt und zufrieden ins Reich der Träume. Oh du schönes Vietnam...


Ohne Motorbike bist du ein Nobody

23. August 2014

Nach den ersten beiden Tagen kilometerweit demütig zu Fuss oder strampelnd auf dem Fahrrad durch die Gegend zu streifen, kann ich Evelyn am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Hoi An dann schliesslich doch noch überzeugen, es zumindest mal zu versuchen, wie es wäre mit einem Roller durch die Gegend zu cruisen, die Haare im Wind flattern zu lassen und dabei das Freiheitsgefühl zu geniessen. Das mit dem cruisen und geniessen hat sich soweit bewahrheitet, das mit den Haaren im Wind leider nicht. Stattdessen kleben unsere Haare unter einem uralten und schon bestimmt mit mehreren hundert Litern internationalem Schweiss vollgeschwitzten Nussschalen-Helm, der unter anderem auch Milbenkulturen ein willkommenes Zuhause bietet.   

Beim ersten Mal aufsetzen des Helms hat sich eine geballte Ladung - nennen wir es mal „unangenehmen Geruch“ - direkt in meine Nase geschlichen, sodass ich würgen und mich beinahe übergeben musste. Für Evelyn wieder mal ein Grund sich prächtig zu amüsieren. Doch Sicherheit geht vor. In den kommenden Tagen tragen wir das Unsere zur Geruchsentwicklung der Helme bei. Nach den ersten paar Metern ist Evelyns Zweifel dann auch verblichen – ein Strahlen bis über beide Ohren macht sich in unseren Gesichtern breit.    



Der verkehrssoziale Aufstieg

24. August 2014

Mit der Anmietung eines Rollers haben wir hier in Vietnam den verkehrssozialen Aufstieg erlangt. Von Behupten werden wir zu Hupenden bzw. von Opfern zu Tätern. Jetzt gehören wir endlich dazu, jetzt sind wir Teil des ganzen Verkehrschaos hier und tragen kräftig dazu bei. Während wir uns gestern noch nur mit einer Fahrradklingel zur Wehr setzen konnten, schlagen wir heute mit gefühlten 150 Dezibel zurück. Besondere Genugtuung verschafft es uns, wenn wir andere Touristen wortwörtlich von der Strasse hupen können.    

Doch das Führen eines Rollers hat auch seine Tücken. So sind wir nichts böses ahnend langsam durch die schmalen Gassen von Hoi An getuckert, als urplötzlich ein uniformierter Polizist mit einem Satz aus seiner komatösen Hockstellung am Strassenrand hochspringt und laut rufend hinter uns herzurennen beginnt. Reflexartig gebe ich auf Evelyns Kommando Vollgas und wir ergreifen die Flucht. Doch weit kommen wir nicht. Aus allen Richtungen springen laut rufende und mit den Händen fuchtelnde Menschen auf die Strasse und blockieren den Fluchtweg. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu kapitulieren. Nimmt die Reise bereits jetzt ihr vorzeitiges Ende? In Gedanken sehen wir uns schon hinter asiatischen Gitterstäbchen schmoren, beziehungsweise eine saftige Kaution bezahlen. Aber was zum Himmel haben wir denn schlimmes verbrochen?! Von hinten galoppiert auch schon der wild aufgebrachte Staatsdiener an. Jetzt verstehen wir auch sein undeutliches Gebrüll: „No Moddobeik, no Moddobeik!!!“ – schreit er immer noch wild schnaubend. Anscheinend haben wir wohl das für Motorfahrzeuge geltende Fahrverbot in der Altstadt übersehen.

 

Unser nicht gerade vorbildliches Verhalten der vietnamesischen Staatsmacht gegenüber ist wohl damit zu ergründen, dass sich der automatische Polizei-Flucht-Reflex (kurz PFR) während unserer Jugendzeit in unser unterbewusstes Nervensystem eingebrannt hat.



Die Biker-Gang von Hoi An

25. August 2014

Wie es der glückliche Zufall will, verweilen auch die beiden Deutschen Christian und Sarah in Hoi An. Bei einem erneuten von Tiger Beer gesponserten Abend kommt uns in feuchtfröhlicher Stimmung die zündende Idee, gemeinsam als Biker-Gang die mit Schlaglöchern übersäten Strassen rund um Hoi An unsicher zu machen. Gesagt, getan. Am nächsten Morgen versammelt sich die gesamte Bikerrotte, bestehend aus vier Nasen, zur abgemachten Tour nach My Son, einer alten Tempel-Ruinen Anlage. Hoi An zieht sich trotz den hohen Temperaturen schon mal warm an – das nennt sich weise Voraussicht. Nach einem standesgemässen Biker-Gruss donnern wir hupend davon. Die Menschen fliehen von den Strassen, Fenster und Türen werden verriegelt.

Das Gefühl mit einem Roller durch die Gegend zu streifen ist einfach grandios. Mehr Freiheit auf einmal geht nicht. Auch die Kontrolle über die Hupe zu haben ist ein Gefühl von Macht und Erhabenheit. Nach einem Zwischenstopp auf eine eisgekühlte Coca Cola im Stammlokal erreichen wir das Ziel. Wobei die Tempelanlage zu besichtigen angesichts des hohen Spassfaktors auf dem Roller fast schon zur Nebensache wird. Nach diesem traumhaften Tag ist klar – die Gründung des ersten deutsch-schweizeri-schen Motorradclubs in Vietnam ist nur noch reine Formsache.