Auf einen Schnaps mit Herrn Thien

26. August 2014

Nach fünf schönen und beschaulichen Tagen in Hoi An haben wir unsere Akkus wieder aufgeladen. Unsere Körper haben erneut Reisefieber-Temperatur erreicht und es ist Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Wir freuen uns auf die bevorstehende 13-stündige Fahrt mit dem Nachtzug nach Mui Ne und sind gespannt, wer ausser uns beiden wohl noch im Viererabteil mitfährt. Unsere Foreigner Tickets weisen uns klar als Touristen aus - würde man uns sonst sicher für Einheimische halten... Noch immer die schallende Beatles-Musik von der Taxifahrt im Ohr, vertreiben wir die drei Stunden bis zur Abfahrt mit Bier trinken und warten. In einer Garküche vor dem Bahnhof schlagen wir die Zeit tot. Zum Glück hält uns der Garküchenbetreiber mit ausgeklügelten Getränkedosenwurfübungen bei Laune. Als einzige westliche Gesichter in der wartenden Runde gebührt uns die Ehre am einzigen normal hohen Tisch mit Stühlen zu sitzen, während die Einheimischen auf knöchelhohen Stühlchen die Zeit fristen müssen. Bei uns gibt es die Gleichen bei Ikea in der Kinderabteilung. 


Und schon ist wieder eine Stunde um, die Zeit ist bald zu Tode erschlagen. Der Countdown läuft auf Hochtouren. 

Nach rund anderthalb Stunden Verspätung heisst es dann endlich einsteigen. Wobei einsteigen nicht der passende Ausdruck ist. Zuerst gilt es die schier nicht endenden steilen Stufen hinauf in den Zugwaggon zu erklimmen. Hätte ich jemals geklettert, würde ich sagen, meine Erfahrung hat mir dabei geholfen. Leider kann ich aber auf keinen dergleichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. 


Hindernis Nummer eins meistern wir aber trotzdem bravourös. Im Gang erwartet uns dann auch schon die nächste Überraschung - campierende Einheimische auf Klappstühlen verhindern das Durchkommen. Es ist erneut klettern angesagt. Entgegen der Erwartung auf zwei weitere Mitreisende zu stossen, liegen in unserem Abteil bereits drei teils schnarchende Nasen. Zwei davon teilen sich eine schmale Liege. Wir mit unserem Gepäck, füllen das Abteil nun definitiv aus. Für uns reserviert sind die oberen beiden Liegen - erneut ist Freeclimbing angesagt. Ohne Netz und ohne Sicherung hangeln wir uns auf unsere Pritschen in windiger Höhe und erreichen endlich unser heutiges Schlafgemach in dünner Luft.

Müde senke ich den Kopf in Richtung Kopfkissen, da schleicht sich auch schon ein fieser Geruch in meine zartbesaitete Nase. Erinnerungen an den Motorradhelm werden wach. Das Kissen war vermutlich schon im Einsatz, als Ho Chi Minh noch das Land regierte. Und das ist schon ein paar Jahrzehnte her. Das positive daran: der Geruch hat eine narkotisierende Wirkung und hilft prima beim einschlafen. 

Der Zug wiegt sich auf den holprigen Geleisen heftig hin und her, wie ein Schiff in Seenot. Teilweise so stark, man meint, dass er zu entgleisen droht.

Die Sonne steht schon fast im Zenit, als ich aus dem Schlaf erwache und von einer Kakerlake begrüsst werde. Die drei mitreisenden Passagiere sind bereits bei bester Laune und freuen sich sichtlich, dass wenigstens einer von uns endlich wach ist. Schliesslich sind wir praktisch die einzigen Ausländer im Zug und die Attraktion. Evelyn schläft immer noch tief und fest. Schnell wird platz gemacht und angedeutet, ich solle mich zu ihnen gesellen. Noch halb verschlafen, setze ich mich hin. Zum Frühstück wird Tao Meo aus einem alten Joghurtbecher gereicht - hochprozentiger Fusel aus Hanoi. Dazu undefinierbares Süssgebäck namens Can Toh und Zigaretten, die einem das Rauchen abgewöhnen.


Wie es sich gehört, nehme ich dankend an. Die Sprachbarrieren hindern nicht daran, dass viel gelacht wird. Ein dankendes "cam’ ùn" meinerseits bringt das Eis dann definitiv zum schmelzen. Reisfelder und weidende Wasserbüffel ziehen an uns vorbei. Nach dem vierten Becher Tao Meo auf nüchternen Magen gestikuliere ich, mich nochmals hinlegen zu wollen, Worauf  der gastfreundliche Herr Thien mir freudig die zweite Flasche Tao Meo präsentiert. Nach mehrmaligem Händeschütteln und Erinnerungsfotos knipsen, erklimme ich wieder meine Liege in der oberen Etage und lege mich auf mein Betäubungskissen. Derweilen erfreut sich Herr Thien lautstark über seine polyphonen Klingeltöne auf seinem Handy. Besonders der klassische Nokia Klingelton hat es ihm angetan. Evelyn wiegt sich im verrauchten Abteil immer noch in tiefem Schlaf, während die Welt an uns vorbei zieht.    

Die Zeit vergeht. Mittlerweile erblickt auch Evelyn das Tageslicht. Herr Thien und seine Gemahlin sind sehr um unser leibliches Wohl besorgt und verpflegen uns mit Bananen; eine nach der anderen und frisch ab Strauch. Zur Verbesserung der Völkerverständigung reichen wir ihnen Minipics, wobei Herr Thien sich nicht auf dieses kulinarische Experiment einzulassen getraut. Seiner Frau scheint es zu schmecken; verrät zumindest ihr freudiger Blick.

 

Nach einem weiteren kurzen Nickerchen will mir Herr Thien mittels deutlicher Zeichen andeuten, dass es jetzt an der Zeit sei, die nächste Flasche Tao Meo zu kredenzen. Da er sowieso kein Englisch spricht, lehne ich dankend auf Schweizerdeutsch ab.

 

So haben wir es nach 13 lustigen Stunden endlich geschafft. Wir treffen in Binh Thuan ein.



Mui Ne – hier wird gechillt!

30. August 2014

Nachdem wir erneut eine im Vergleich zu den Restaurantpreisen horrend teure Taxifahrt vom Bahnhof Binh Thuan nach Mui Ne hinter uns haben, checken wir in unserer neuen Unterkunft ein. Das spezielle daran: Die Rezeption, wenn man es so nennen kann, befindet sich in einem kleinen Ladengeschäft ganz hinten in der Ecke. Aber ganz nach grossem Vorbild, hängen wie in einem internationalen Grandhotel fünf Uhren an der Wand, welche die Uhrzeit verschiedener Weltmetropolen anzeigen. Die Uhr von Paris nimmt es aber nicht so genau.

In Mui Ne leben wir gemütlich in die Tage hinein – ganz ohne Hektik und Stress. Abschalten klappt hier ganz prima! Mittlerweile habe ich mich schon so an kurze Sporthosen mit Gummizug gewöhnt, dass ich mir in normalen Bermudashorts mit Gürtel richtig eingeengt vorkomme und mich fühle, wie in einer Ritterrüstung. Ob wir uns jemals wieder an ein Leben mit Schuhen und langen Hosen gewöhnen können? Von einer Krawatte ganz zu schweigen! Leider leider kommen wir auch hier nicht an einem motorisierten Gefährt vorbei. Wobei ein Roller das naheliegendste Verkehrsmittel zu sein scheint. Fahrräder gibt es hier (zum Glück) keine zu mieten. 

Wie wir erst Tage später erfahren werden, bräuchte es, um einen Roller führen zu dürfen, den Vietname-sischen Führerausweis. Bei der Anmietung wollte diesen bis jetzt aber nie jemand sehen. Nicht einmal einen Reisepass oder sonst etwas als Sicherheit. Die Anmietung ist eine Sache von maximal zehn Sekunden: „Can we have motorbike?“ Und schon gibt’s den Schlüssel in die Hand, selbstverständlich noch einen stinkenden Helm oben drauf und schon kann es losgehen. Keine Versicherung, keine Unterschrift, einfach gar nichts.

Es tut so gut nach zwei Tagen Rollerabstinenz, wieder Benzinluft zu schnuppern. Wir hatten schon beinahe Entzugserscheinungen. Der Grip auf den Strassen ist auch hier unten im Süden ausgezeichnet. Und auch hier weht einem immer eine frische Meeresbrise ins Gesicht. Wobei die frische Luft  zeitweise jäh unterbrochen wird von einem abartigen Gestank. Schwallartig steigt uns immer mal wieder ein Gemisch aus abgestandenem Käse und Erbrochenem in die Nase. Es riecht in etwa so, wie das Kühlschrank-Abflusssekret, welches sich in der Auffangschale hinter dem Kühlschrank ansammelt und alle paar   

Jahre mal entfernt werden muss.  Auslöser dieses Gestanks ist die in Asien weit verbreitete Stinkfrucht genannt Durian. Während es westlichen Menschen schon bloss vom Geruch den Würgereiz auslöst, scheinen es Einheimische heiss zu lieben. Jedem das Seine. Und Überhaupt sind die auf den Speisekarten aufgeführten Speisen sehr exotisch und nicht jedermanns Sache. So gibt es z.B. Schildkröten, Schlangen, Eidechsen, Kröten aber auch Muränen und Rochen entweder gegart, gedämpft, gebraten, als schmackhafter Burger oder auch in einem leckeren Curry. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Sämtliche Tiere können vor dem Verzehr noch in einem Aquarium bestaunt werden, wie in einem Zoo.

Anstelle des Exotikprogramms, bevorzugen wir dann aber lieber das alternative Vergnügungsprogramm. Wir waten lieber barfuss durch einen Wildbach mit Skorpionen oder vergnügen uns in den Sanddünen. Denn auch hier ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Dünen gibt es wahlweise in den Farbrichtungen weiss, gelb und rot. Und wir haben sie alle bestiegen. Der Besuch des nahegelegenen Fischerdorfes hat uns aber sehr nachdenklich gestimmt. Die dort wohnenden Menschen sind bettelarm und leben in erbärmlichen Verhältnissen. Kein funktionierendes Abwassersystem, zerfallene Häuser und Wasser gibt es nur an öffentlichen Brunnen. Kaum zu glauben, dass nur wenige Kilometer nebenan luxuriöse Fünfsterne Hotels Touristen beherbergen, die für eine Nacht mehr ausgeben, wie diese Fischer vermutlich nicht mal in einem ganzen Jahr verdienen.



Ho Chi Minh wir kommen – aber nur kurz...

31. August 2014

Mui Ne hat sich in den vergangenen Tagen von einem, dank Nebensaison, verschlafenen Nest zum Mekka für einheimische Touristen verwandelt. Aus allen Ecken des Landes werden Einheimische mit Bussen und Motorrädern angeliefert. Die Strassen sind verstopft und kaum noch passierbar. Grund dafür ist der Vietnamesische Nationalfeiertag in zwei Tagen, mit dem die Unabhängigkeit von Frankreich mit einer ordentlichen Sause zelebriert wird. Das ganze Land befindet sich auf den Füssen oder Rädern. Für uns wird es Zeit, unseren letzten Reiseabschnitt in Vietnam anzutreten.

 

Per Sleeper-Bus  geht es in Richtung Ho Chi Minh City bzw. Saigon, wie die Stadt früher geheissen hat und von den südlichen Landsleuten vorzugsweise immer noch genannt wird. Der Bus ist mit Liegen ausgestattet, die es einem erlauben, sich beinahe vollkommen waagerecht und sehr gemütlich in den Sitz zu hängen. Die Fahrt ins Blaue dauert rund sechs Stunden für gerade mal 200 Kilometer – und das ohne Heizdecken-Verkaufspause!

In Ho Chi Minh gönnen wir uns zum grossen Finale in diesem wunderschönen Land etwas vom besten, was Vietnam auf den Teller zaubert: Hot Pot mit Fisch und vielem mehr was sonst noch so im Meer herum schwimmt und kriecht (ähnlich wie Fondue Chinoise, nur einiges interessanter). Sofort wird ein zweiter Tisch herbeigeholt und es wird so richtig dick aufgefahren. Anscheinend ist dieses Gericht von so enorm hoher Wichtigkeit, dass uns zwei Kellnerinnen und dazu noch ein Kellner gleichzeitig bedienen. 

Als wäre das noch nicht genug, werden wir während der ganzen Essenszeremonie auch noch von einem persönlichen Sicherheitsangestellten bewacht, der uns in einer bisher nie dagewesenen Sicherheit wiegen lässt. Er verteidigt das Revier und lässt uns keine Sekunde aus den Augen. Jeder Bissen wird genauestens beobachtet. Als es brenzlig wird und der Topf mit kochend heisser Boullion umzukippen droht, stürzt er sich todesmutig zwischen den Topf und das Feuer. Ein Glück ist er gleich zur Stelle, denn sonst hätte sich der ganze leckere Hot Pot auf die Strasse Ho Chi Minhs ergossen und womöglich auch noch über uns. Leider bleiben wir nur über Nacht in der Stadt der 1 Millionen Motorbikes, denn morgen geht schon unser Flug nach Kuala Lumpur!

 

Vietnam war einfach super! Wir haben viele neue Eindrücke gesammelt und tolle Bekanntschaften gemacht. Die Reise geht weiter und wir sind gespannt, was uns noch alles erwarten wird.